Kampfsportler müssen nicht joggen!

Kampfsportler müssen nicht joggen!

Jeder kennt das Bild von „Rocky“ wenn er im grauen Hoodie die Treppen des Museum of Art in Philadelphia hochrennt und die Hände in den Himmel reckt. Joggen scheint eine gute Möglichkeit zu sein, die „Kondition“ eines Boxers oder sonstigen Kampfsportlers zu verbessern. Den Tipp joggen zu gehen, bekommen zahlreiche Sportler regelmäßig, wenn ihnen im Sparring die Luft ausgeht. Aber ist Laufen tatsächlich so gut geeignet?

 

Fragen wir uns mal, was denn dazu führt, dass wir kaum noch trainieren können, weil die Lunge pfeift wie eine Dampflokomotive.

Erster limitierender Faktor ist unser Herz-Kreislauf-System (HKS). Das dürfte kein großes Geheimnis sein. Es geht um die Atmung, den Austausch in der Lunge, das Versorgen der Muskeln mit Sauerstoff u.s.w. Unserem HKS ist es egal, welche Art von Bewegung wir durchführen. Ob ich jetzt laufe, schwimme oder am Boxsack arbeite ist egal. Wenn ich außer Atem komme, dann wird das HKT trainiert. Unser HKT arbeitet mit der Zeit immer effektiver. Die Versorgung mit Sauerstoff verbessert sich. Meine Ausdauer steigt. Das ist ein wichtiger Punkt. Das HKT ist quasi die Bereitstellung für alles was dann folgt. Unabhängig von der eigentlichen Sportart. Laufen kann also hier sicher genutzt werden, um dann auch Vorteile in anderen Sportarten zu haben.

 

Aber es gibt noch einen zweiten sehr wichtigen Punkt. Und zwar die Bewegung an sich. Jede Sportart beinhaltet eigene Bewegungsmuster. Wenn ich anfange zu Boxen, dann sind meine Bewegungen abgehackt und nicht sehr ökonomisch. Es ist quasi so, als würde ich mit angezogener Bremse Fahrrad fahren. Wenn wir beim Beispiel mit dem Fahrrad bleiben, dann ist es von Vorteil, wenn mein Rad (HKS) in einem Top Zustand ist. Aber nur durch spezifische Bewegungen wird auch optimal die Handbremse gelöst. Ein Marathonläufer würde nie auf die Idee kommen seine Vorbereitung mit Schwimmen oder Radfahren aufzubauen. Klar macht er auch mal andere Sportarten, aber ehr aus Gründen der Abwechslung oder um mal andere Systeme zu belasten.

 

 

Ein weiteres schönes Beispiel sind hier junge, fitte Polizisten, die sich bei den Spezialeinheiten bewerben. Eine der höchsten Durchfallraten findet auf dem Fahrradergometer statt. Hier müssen die Absolventen eine immer höhere Wattzahl treten und gleichzeitig wird der Puls gemessen. Interessanterweise fallen dort auch sehr oft Top Läufer oder Schwimmer durch weil der Puls den Höchstwert zu schnell erreicht. Warum ist das so? Warum scheitert der Läufer, der die 5 km in 20 Minuten schafft bei diesem Test? Er hat sicher ein sehr gut ausgebautes HKS aber die Muskelaktivität ist anders. So anders, dass diese ungewohnten Bewegungsmuster (Handbremse) dazu führen, dass die „Kondition“ darunter leidet. Der Puls geht hoch, der Testkandidat fällt durch. Wie gesagt ist die Durchfallrate hier sehr hoch. Obwohl die Bewegungen ja auf den ersten Blick gar nicht so unterschiedlich aussehen. Beim Laufen und Radfahren werden hauptsächlich die unteren Extremitäten in Streck- und Beugebewegungen genutzt. Und dennoch ist schon dieser Unterschied im Muster zu groß für eine effiziente Leistung.

 

Was glaubst du wohl, wie groß ist der Bewegungsunterschied zwischen Kampfsportlern und Läufern? 

Was ist also zu empfehlen?

 

Wenn du an deiner Kondition arbeiten willst, dann verbinde doch einfach das angenehme mit dem nützlichen. Mache die Bewegungen, die du in deinem Sport benötigst als „Unendlichschleife“. Denn joggen gehen ist ja nichts anderes. Du machst einfach einen Schritt vor dem anderen. Mach doch einfach tausende Boxbewegungen, Shrimps, Brücken oder sonst was. Oder kombiniere das alles miteinander. Hast du schon einmal 200 Shrimps gemacht? Oder bist du schon einmal 100x taktisch aufgestanden? Das würde nicht nur deine Ausdauer trainieren, sondern auch deine Bewegungsmuster. Du wirst immer effizienter in der Bewegung. Das bedeutet, du wirst auch langsamer müde und insgesamt schneller bei der Ausführung.

 

Wenn ich die Wahl hätte, würde ich als Boxer lieber effizient schlagen, statt effizient einen Fuß vor den anderen zu setzen. Und wie beim Joggen kannst du hier natürlich auch mit der Intensität und Geschwindigkeit spielen. Du kannst 30 Minuten langsame Bewegungen am Stück für deine Grundlagenausdauer durchführen. Oder du baust Intervalle ein. Was natürlich auch wieder sportspezifischer ist. Sei kreativ, aber mach das, was du für deinen Sport benötigst. Verschwende keine Zeit! Denn die Bewegungen musst du ja eh trainieren! Und dem HKS ist es egal wofür es den Sauerstoff bereitstellen muss.

 

Zum Schluss möchte ich noch anmerken, dass Laufen sicher auch Vorteile hat und ich das Laufen an sich nicht verteufeln möchte. Ich gehe gerne mal ne Runde joggen um den Kopf frei zu kriegen. Laufen ist überall durchführbar. Und es ist einfach. Es kann auch mal eine schöne Abwechslung sein. Aber… es ist sicher nicht die effektivste Art seine Kondition im Kampfsport zu verbessern.

 

P.S.: Laufen ist gar nicht so eine natürliche Bewegung wie oft angenommen wird. Gehen und sprinten sind Bewegungen, die wir in der Evolution immer brauchten. Stundenlang schlendern um Nahrung zu finden. Rennen für Flucht oder Angriff. Aber joggen? Unsere Vorfahren sind nicht von Ort zu Ort gejoggt. Das wäre viel zu anstrengend und ein großer Energieverlust. Schaut man sich die Körper „reiner Läufer“ an, die mehrfach die Woche regelmäßig laufen und sonst keinen anderen Sport durchführen, dann stellt man ein großes Ungleichgewicht im Muskelaufbau fest und häufige, ganz typische Verletzungen.

 

 


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